Interview mit Ernst Elsener und
Dr. Armin Hollenstein

Im Rahmen des B360 Südwärts-Programms weilten im Jahr 2018 31 freiwillige Experten insgesamt 62 Wochen für Vorlesungen im südlichen Afrika. Zwei von ihnen, Ernst Elsener und Armin Hollenstein, lehren und beraten seit mehreren Jahren für B360 an der Namibia University of Science and Technology (NUST) in Windhoek und der Tertiary School in Business Administration (TSiBA) in Kapstadt. Wir hatten die Gelegenheit, die beiden Experten über verschiedene Themen zu befragen. Lesen Sie im Folgenden das detaillierte Interview.

Ernst Elsener: Berater in Offenem Lernen und Fernunterricht und emeritierter Dozent in Informatikschulung

Armin Hollenstein:
Prof. Dr. emeritus der Universität Bern, Dozent in Mathematik, Erziehungswissenschaft  und Forschungsmethodik

Was hat sie, A. Hollenstein, veranlasst, dem B360 Netzwerk /B360 Team beizutreten?

Mein persönliches Netzwerk brachte mich mit B360 education partnerships in Verbindung. Ich informierte mich über die Organisation, war sofort überzeugt und bin es noch heute. Sie erweist sich sowohl in der Theorie als auch in meiner praktischen Erfahrung als erfolgversprechend und effizient.

  • Der wichtigste Punkt: Nicht Geld oder Infrastruktur fliesst nach Süden, sondern Erfahrung, Zeit und Arbeit fliessen in beide Richtungen. Das führt zu gegenseitigem Verständnis und einem Wissen um die Bedürfnisse an der Basis.
  • Die Aktivitäten von B360 bauen Wissen auf und damit das zukünftige Leben junger und intelligenter Afrikaner: Knowhow, wo es gebraucht wird.
  • Das Engagement bei sogenannten „Überbrückungskursen“ an der TSiBA richtet sich spezifisch an wirtschaftlich benachteiligte junge Leute.
  • Und nicht zuletzt lerne ich, lerne und lerne, und das gefällt mir ausgezeichnet!

E. Elsener, sie haben ihre Zusammenarbeit mit B360 im Jahre 2010 als Berater am COLL (Center of Lifelong Learning) am NUST begonnen. Woher kam die Initiative dazu, und was waren ihre ersten Eindrücke?

Kurz nach meiner Pensionierung las ich in der Lokalzeitung einen Bericht über B360 und ihre Tätigkeit im südlichen Afrika. Ich fragte mich, ob meine Erfahrung im Bereich Fernunterricht und E-Learning ebenfalls gefragt sein könnte. Eine kurze Abklärung vor Ort zeigte, dass von den 11‘000 Studierenden an der NUST die Hälfte auch Fernstudien in der einen oder anderen Form nutzen. Ein Telefongespräch mit einem Spezialisten vom Fernlernzentrum an der NUST überzeugte mich, dass dort viel Arbeit auf mich wartete. Wir einigten uns rasch, welche wichtigen Projekte wir zuerst anpacken wollten, und ein halbes Jahr später begann ich meinen ersten Einsatz in Windhoek.

Seit damals arbeite ich dauernd über Internet mit der Abteilung und besuche sie wenn nötig. Es beeindruckte mich sehr, wie professionell das Fernstudium organisiert ist. Vor acht Jahren funktionierte das Internet in Namibia noch sehr unzuverlässig und hatte eine geringe Reichweite. Trotzdem war es offensichtlich, dass die Tausende von Aufgaben und Rückmeldungen mit Hilfe dieser Technologie effizienter behandelt werden könnten. Deshalb wollten wir Erfahrung sammeln mit einem Internet-basierten Pilotkurs für Dozenten in einem kombinierten Verfahren (Blended Learning). So konnten wir die Didaktik des Blended Learning einem grossen Kreis näher bringen.

Später wurde ich eingeladen, bei der Entwicklung einer Strategie mitzuhelfen, Fernkurse immer mehr durch Online-Kurse zu ersetzen.

Ist die Option E-Learning für Studierende in entlegenen Gegenden z.B. in Namibia ein Traum oder eine Realität? Was sind die Gründe?

E. Elsener - Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Schülerzahlen in Namibia stark zugenommen. Die Verbesserung der Ausbildungsqualität und spezifischer der Umgang mit der Heterogenität der Studierenden in grossen Klassen erweist sich als eine viel schwierigere Herausforderung. Angesichts der Knappheit an gut qualifizierten Lehrern und an geeigneten Lehrmitteln ist das Internet mit seinen umfangreichen Lernressourcen eine interessante Option. So wie das Smartphone den gewöhnlichen Leuten über Nacht einen unerwarteten Triumph im Alltagsleben gebracht hat, so versprechen die offenen Bildungssysteme an den Schulen viele, wenn auch nicht alle Probleme auf einen Schlag zu lösen.

Die Erfahrung zeigt, dass das Internet nur in den grossen Städten zuverlässig funktioniert. Auf dem Campus können sich die Studierenden sogar mit ihren Smartphones einloggen. So können wir ihnen den Zugang zu den Internet-Lehrmitteln entweder im Computerraum oder über ihr eigenes Handy anbieten. Fernlehren über einige der elf regionalen Zentren im ganzen Land haben wir versucht, sind damit aber gescheitert.

Bei einer Schule in Dordabis, einem entlegenen Dorf in der Kalahari ohne Internet, und in der Township Katutura habe ich sehr raffinierte Lösungen gesehen. Der Lehrer hatte Tausende von E-Books, Lehrvideos und anderen Lehrmitteln auf seinem Laptop und verteilte sie drahtlos auf die Tablets seiner Studierenden.

Der zuverlässige und erschwingliche Zugang zum Internet in fernen Regionen hat nur dann eine positive Wirkung auf die Ausbildung, wenn die Lehrmittel geschickt in die Lernumgebung eingebettet sind.

Eines ihrer Hauptziele bei der Arbeit an NUST und TSiBA ist, das Niveau bzw. die Erfolgsrate der Studierenden durch Blended Learning zu verbessern. Können sie uns erklären, wie das funktioniert? Was für Erfahrungen haben sie bisher gemacht? Warum sind alle Pilotprojekte auf Mathematik fokussiert? Ist Blended Learning auf dieses Fach beschränkt?

E. Elsener - Wir reagieren im Allgemeinen auf Anforderungen unserer Partnerschulen. Mathe stellt für viele Studierende bei NUST wie auch bei TSiBA eine Art Flaschenhals dar. Das erklärt, weshalb sich unsere Pilotprojekte auf Brückenkurse in Mathematik konzentrierten.

Nach den ermutigenden ersten Erfahrungen haben sich die Wünsche unserer Partnerschulen bereits auf weitere Themen ausgeweitet. Ein Blick auf die Kursprogramme grosser Online-Anbieter (z.B. COURSERA) zeigt, dass die Methode keineswegs auf Mathematik und Naturwissenschaften limitiert ist.

A. Hollenstein -  Mathematik (und, wie wir meinen, das Lernen im Allgemeinen) hat eine zentrale Komponente, die ich mit „mach es einfach“ charakterisieren möchte. Unser Ziel ist es, zwischen Studierenden und Mathematik eine Bindung herzustellen. Aus dieser Bindung entsteht Neugier, Interesse und die Begeisterung des Verstehens und Meisterns. Mit dieser Idee im Kopf bauen wir E-Learning-Umgebungen, um „Mathe zu machen“.

Kursinhalte, Struktur und Lernziele werden von den lokalen Dozierenden festgelegt; wir liefern das „Fleisch am Knochen“. Dabei verwenden wir analytische Selbsttests, Lernvideos und Texte, die strikt auf Werkzeugen aus offenen Lernsystemen basieren (Khan Academy et al.), und die unseren Partnern bei TSiBA und NUST offen stehen. In Zusammenarbeit mit unseren Partnern werden diese Materialien in die lokalen E-Learning-Plattformen integriert, also Google Classroom bei TSiBA bzw. Moodle bei NUST. Damit geht das Eigentum an den Lernumgebungen an unsere Partner über. Aufgrund systematischer Evaluationen wissen wir: die Studierenden mögen diese Art von Lernen; sie ist gleichzeitig anspruchsvoll und spielerisch. Die Dozenten sind mit zunehmendem Interesse und Wissen konfrontiert.

Seit 2015 arbeiten sie beide am InSTEM Brückenprogramm an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften am NUST. Zu welchem Zweck?

A. Hollenstein - InSTEM heisst übersetzt Einführung in Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwissenschaft und Mathematik. Es ist ein Brückenprogramm für wirtschaftlich benachteiligte Studierende und verschafft ihnen zusätzliche Möglichkeiten:

a) grundlegendes inhaltliches Wissen aufzubauen, b) zu lernen, wie man effizient lernt und c) Einstellungen und Selbsterkenntnisse zu gewinnen, um beim weiteren Studium und am zukünftigen Arbeitsplatz erfolgreich zu sein.

Ihre Arbeit erfordert eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Lehrkörpern von TSiBA und NUST. Welche waren und sind die  besonderen Herausforderungen?

E. Elsener - Bei allen erfolgreichen Projekten verlassen wir uns stark auf die enge Zusammenarbeit mit einer verlässlichen Ankerperson vor Ort. Starke Partner zu finden ist der wichtigste Grund, die Schulen von Zeit zu Zeit zu besuchen. Wenn diese Verbindung einmal steht, können wir gut auf Distanz zusammenarbeiten. Auf diese Weise war es möglich, über all die vergangenen Jahre eine dauernde Zusammenarbeit aufrecht zu erhalten. Ich bin überzeugt, dass unsere fruchtbare Zusammenarbeit und der Erfahrungsaustausch von fern stabiler ist denn je.

Was halten die Studierenden von Blended Learning? Sehen sie Fortschritte? Gibt es besondere Lücken, die zu füllen sind?

A. Hollenstein - Die von uns unterstützte systematische Evaluation der Kurse zeigt insgesamt eine klar positive Wahrnehmung. Die Studierenden und die Dozierenden, die mit diesen kombinierten Kursen arbeiten, schätzen den didaktischen Aufbau ebenso wie die verwendeten Werkzeuge und das Inhaltsmaterial, d.h. Selbsttests und Lernvideos.

Opawa Ndadi, Mathematikdozent bei NUST, hält fest: „Besonders die schwächeren Studierenden profitieren am meisten von diesem Kurs. Mit Hilfe der Lernvideos können sie ihre Wissenslücken füllen.“ Verbesserungen sind möglich: Der Einbau anspruchsvollerer Inhalte für intelligente Studentinnen und Studenten.

Last but not least: Beide Partnerschulen wünschen, den Einsatz der Methode auf andere Studiengebiete wie Physik und Statistik auszudehnen.

Welches sind ihre Ziele und Wünsche in Bezug auf ihr Programm, die Zusammenarbeit mit den Universitäten und den Studierenden?

E. Elsener - Nachdem heute ein Pilotprojekt stabil läuft und evaluiert worden ist, kommen viele neue Wünsche zu uns. Diese können wir nicht allein aufarbeiten. Wir sind bei einem Punkt angelangt, wo wir die Konversion aller Kurse in ein Blended-Learning-Format nicht mehr in der Führungsrolle durchführen müssen. Wir möchten lieber lokale Dozenten befähigen, die in der Pilotphase gemachten Erfahrungen auf andere Kurse und andere Fächer anzuwenden. Mit diesem Ziel schulen wir NUST und TSiBA Dozentinnen und Dozenten und geben ihnen Werkzeuge und Ressourcen. Im Laufe der Jahre haben wir eine Website mit Schritt-für-Schritt-Instruktionen, Handbüchern für Open-Source Software, Beispielen von Lessons Learned, Checklisten, Lehrvideos über den Prozess der Überführung konventioneller in Blended- Learning-Kurse aufgebaut.

Wir haben eine Zusammenarbeit mit der Teaching & Learning Abteilung begonnen. Sie wird im Februar erstmals den von uns entwickelten Kurs „Designing Blended Learning for Lecturers“ durchführen (Die Gestaltung von Blended Learning für Dozierende). Wir werden den Kurs begleiten und höchstens selektiv über Fernlernen teilnehmen. Weitere Kurse sind geplant, weil alle Fakultäten bis 2023 gewisse Formen von Online-Lernen eingeführt haben müssen. Das ist eine willkommene Entwicklung in Bezug auf die Nachhaltigkeit.

B360 schafft Win-Win-Situationen. Können sie das im Zusammenhang mit ihrem Projekt aufzeigen?

E. Elsener - Im Laufe der Jahre habe ich viele grossartige Leute mit erstaunlichen Lebensgeschichten angetroffen. Beispielsweise eine Dame, die in einem Flüchtlingslager aufwuchs und keine Gelegenheit hatte, in der Schule Lesen und Schreiben zu lernen. Sie publiziert jetzt Kinderbücher, um das Lesen in jungen Jahren zu fördern, und daneben lehrt sie und macht ihren Doktor. Es ist auch bereichernd zu sehen, wie viele trotz brillanten akademischen Karrieren ein starkes soziales Engagement an den Tag legen. Mehr als alles andere habe ich in Afrika gelernt, auch unter schwierigen Bedingungen nach dem Besten zu streben.

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